Warum es sich lohnt Mamas Kleiderschrank zu plündern

Gastbeitrag von Alica Ouschan

Erinnert ihr euch noch, als vor etwa 10 Jahren die Röhrenjeans in Mode kamen und jegliche Hosen, die an den Knöcheln nicht so eng waren, dass es einem beinahe das Blut abschnürt waren nicht nur komplett Out sondern einfach nur peinlich? Damals gab’s die in allen Farben und Variationen, Hauptsache eng. Das war auch ca. die Zeit, in der es ein absolutes No-Go gewesen wäre, die Hosen hochzukrempeln, sodass die Knöchel sichtbar sind. Und dann plötzlich hielt die Hipster-Ära Einzug und die 7/8 Röhren-Hosen, die meine Mama immer noch liebevoll „Hochwasserjeans“ nennt, waren plötzlich das Coolste überhaupt.

Glockenhosen und bunte Stoffhemden

Ich hab’s noch ganz genau im Kopf, als wäre es erst gestern gewesen, wie meine Freundinnen und ich unsere Mütter verspottet haben, weil sie damals, in ihrer Jugend hochgeschnittene „Glockenhosen“ trugen, also jene, die bis über den Bauchnabel hoch gehen und ab den Knien weit auseinander. Wie ich alte Fotos meines Papas angeschaut, und mich beim Anblick der viel zu großen, bunt gemusterten Stoffhemden vor Lachen kaum mehr eingekriegt hab.

Und heute? Wenn ich einen Blick durch Wiens superhippe Kleiderkettenläden werfe, sehe ich Exemplare von Hosen, die meine Mama wahrscheinlich in den 80ern hart gefeiert hätte. Riesengroße Hemden, mit Mustern so wild und bunt, dass es in den Augen brennt. Abgeschnittene T-Shirts, bauchfreie Tops – noch vor einigen Jahren noch ein absolutes Mode Faux pas! Die Jeansjacken, die wir alle seit einem Jahr wieder fleißig etablieren, ja, auch die waren vorletzte Saison noch komplett out. Damals war’s cool, eine Collage Jacke sein Eigen zu nennen. Und auch wenn’s grad Sommer ist, irgendwie gibt es auch jedes Jahr einen neuen Winter-Jacken und Schuh Trend -  da kommt ja auch keiner mehr mit!

Mamas Kleiderschrank

Jaja, die Mode geht schnell und noch schneller, die, die versuchen mit ihr mitzuhalten. Saublöd, dass man die ganzen tollen 7/8 Röhrenjeans, die erst 3 Jahre alt sind jetzt in die Tonne treten kann – so was trägt ja heute keiner mehr.  Wenn dann bitte müssen sie aus Stoff sein und am besten mit Streifen an den Seiten, für den extra sporty-Look. Moment mal, auch das kommt mir verdammt bekannt vor... Hab ich nicht genau so eine Hose vor Jahren bei meiner Mama im Kasten gefunden und mich gefragt, wie so was jemals wer tragen konnte?

Die Mode geht schnell und natürlich versuchen die meisten von uns – da nehm ich mich nicht raus – mit jeden abgefahrenen, neuen Trend mitzugehen und die größte Fashionista von allen zu sein. Und das ist vollkommen in Ordnung, ich mein, wer sieht denn nicht gern super aus und wer hat nicht gern den Ruf, modebewusst zu sein? Doch Mädels, bevor ihr loslauft, euch nie neuesten Trends von buntem Musterhemd, über Riesenjeansjacke, bis hin zur Sporty-Business-Hose kauft, und euren Kleiderschrank von letzter Saison in die Kleidercontainer befördert, stellt euch die Frage, ob das was ihr heute als „Out“, „altmodisch“ oder „peinlich“ betitelt, im nächsten Jahr nicht vielleicht doch der letzte Schrei ist.

Und ob ihr die Sachen, die’s grad in jedem Laden neu zu kaufen gibt, nicht auch bei den alten, seit Jahren ungetragenen Sachen eurer Mama findet. Warum ständig neues „Vintage-Retro-Zeug“ kaufen, wenn sich die echten Vintage-Retro-Schätze vielleicht sogar in den Klamotten-Kisten unserer Eltern im Keller befinden?

Das Strahlen im Gesicht meiner Mama, als sie mir ihre Schlaghosen und langen Röcke übergeben hat, der geschmunzelte Kommentar meines Papas, als er mir eine Kiste voll alter, riesiger Papageien-Hemden überreichte, war fast noch schöner, als das traurige Gesicht meiner Freundinnen zu sehen, nachdem ich ihre Frage „Wow, das ist ja ur hip – wo hast du das denn her?“, mit „aus den Achtzigern, das gibt’s nicht mehr zu kaufen!“ beantwortet habe.

 

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  • Über die Autorin:

    Alica Ouschan 

    Ist freie Journalistin und studiert an der Universität Wien.

     

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