Die oft zitierte Zahl „Bio-Baumwolle spart 91 % Wasser“ stammt aus einer Studie von Textile Exchange aus dem Jahr 2014. Unabhängige Analysen stufen sie inzwischen als methodisch fragwürdig ein, weil sie regenbewässerte Bio-Baumwolle mit künstlich bewässerter konventioneller Baumwolle vergleicht – also zwei Anbaumethoden, nicht Bio gegen Nicht-Bio. Gut belegt ist dagegen: Im Bio-Anbau sind synthetische Pestizide verboten, und GOTS schreibt für Färbereien und Veredelungsbetriebe eine Abwasserbehandlung vor. Wie viel Wasser der Anbau selbst braucht, hängt vor allem vom Anbaugebiet ab, nicht in erster Linie davon, ob bio oder konventionell angebaut wird.
Woher die 91-%-Zahl kommt – und warum sie umstritten ist
Die Zahl geht auf eine 2014 von Textile Exchange beauftragte Lebenszyklusanalyse zurück, die mit einer separaten Studie zu konventioneller Baumwolle aus dem Jahr 2012 verglichen wurde. Der 2021 veröffentlichte Bericht „Cotton: A Case Study in Misinformation“ der Transformers Foundation bewertet diesen Vergleich als eingeschränkt zuverlässig, weil er im Kern Regenfeldbau (Bio) mit Bewässerungsfeldbau (konventionell) vergleicht – nicht Bio und konventionell unter denselben Bedingungen. Bio-Baumwolle wird zwar häufiger im Regenfeldbau angebaut. Das ist aber eine Aussage über die gängige Anbaupraxis, nicht über die Bio-Zertifizierung selbst.
Was die aktuellen Zahlen zeigen
Auch die klassische Vergleichszahl für konventionelle Baumwolle wurde deutlich nach unten korrigiert:
- Alte, weit verbreitete Zahl: rund 20.000 Liter Wasser pro Kilogramm konventioneller Baumwolle
- Aktuelle ICAC-Zahl (2026): rund 2.068 Liter pro Kilogramm im globalen Durchschnitt
- Pro T-Shirt: Häufig werden 2.500–2.700 Liter genannt. Dieser Wert beruht auf älteren Zahlen. Mit der ICAC-Zahl ergeben sich bei rund 250 g Baumwolle pro Shirt rechnerisch etwa 500 Liter.
Der Unterschied zwischen alten und neuen Zahlen ist damit größer als der behauptete Unterschied zwischen Bio und konventionell. Das zeigt, wie stark solche Werte je nach Methodik und Region schwanken – und warum ein einzelner Prozentwert wie „91 % weniger“ mit Vorsicht zu behandeln ist.
Was bei Bio-Baumwolle gut belegt ist
Statt der umstrittenen Wasserersparnis lohnt sich der Blick auf das, was GOTS konkret vorschreibt:
- Verbot synthetischer Pestizide und Kunstdünger im Anbau, sodass Grundwasser und umliegende Ökosysteme nicht mit deren Rückständen belastet werden
- Pflicht zur Abwasserbehandlung bei Färbung und Veredelung – sie betrifft die Verschmutzung von Prozesswasser, oft der ökologisch wichtigere Faktor als die reine Anbaumenge
- Verbot einer festgelegten Liste gesundheits- und umweltschädlicher Chemikalien in der gesamten Verarbeitungskette
Diese Kriterien sind auditierbar und werden jährlich vor Ort geprüft – anders als eine pauschale Wasserersparnis, die sich am einzelnen Kleidungsstück nicht nachweisen lässt.
Was das für deinen Einkauf bedeutet
- Wenn dir Wasserverschmutzung durch Chemikalien wichtig ist: Achte auf eine GOTS-Zertifizierung. Wie du sie prüfst, zeigen wir im Beitrag GOTS-Kleidung erkennen.
- Wenn dir die Wassermenge beim Anbau wichtig ist: Sie hängt stärker vom Anbaugebiet (Regenfeldbau oder Bewässerung) ab als vom Bio-Status. Die Herkunftsregion sagt hier mehr aus als das Bio-Siegel allein.
- Recycelte Baumwolle: Hier wird keine neue Baumwolle angebaut, also fällt auch kein Bewässerungswasser für den Anbau an. Sammlung, Sortierung und Verarbeitung brauchen aber ebenfalls Wasser und Energie.
Woher wir das wissen
Wir haben für diesen Artikel bewusst nicht die gängige Marketingzahl übernommen, sondern die zugrundeliegende Studienlage und den Bericht der Transformers Foundation herangezogen. Als GOTS-zertifiziertes Unternehmen ist uns wichtig, Umweltaussagen so zu formulieren, dass sie einer Prüfung standhalten – auch weil die Richtlinie (EU) 2024/825 seit dem 27. September 2026 unbelegte Umweltaussagen untersagt.
Veröffentlicht am 31.08.2026 · zuletzt geprüft am 22.10.2026 · Autor: Niklas Astor, Gründer GREEN SHIRTS
Quellen:
- Transformers Foundation: „Cotton: A Case Study in Misinformation“ (2021)
- Textile Exchange: Life Cycle Assessment of Organic Cotton Fiber (2014)
- International Cotton Advisory Committee (ICAC), Wasserverbrauchsdaten 2026